„Schlag auf Schlag“

Ein Wort zum Sonntag

17.02.2019

Lächelnd lese ich soeben zum gewiss hundertsten Mal, dass irgendjemand sich an meinen Schreibstil „erst gewöhnen hat müssen“. Sei ihm ungewohnt gewesen. Er habe ein bisschen gebraucht.

Gemeint ist die Kürze der Sätze. Dieses „Schlag auf Schlag“. Dieses Knappe, dieses Trockene, durchaus Selbstbewusste, und oft dazwischen verborgen Ironie und ein bisschen Spott. Nun… Sie alle wissen Bescheid. Schließlich lesen Sie ja solch einen Text.

Kurze Sätze weshalb?

Ich schreibe nicht, sondern ich spreche mit Ihnen. Von der Bühne herab. Laut, suggestiv, im Bestreben, Sie zu überzeugen, Sie mitzureißen. Klingt immer ein bisschen „der Tritt in das Hinterteil“ mit.

So und nur so hatte ich Erfolg. Mitfühlende, lange, geschraubte, gewundene erklärende Sätze bringen hier gar nichts. Ein kurzes Kommando, es einsickern lassen, und schon der nächste Satz. Schlag auf Schlag. Diese Technik habe ich offensichtlich kultiviert. Kann man ja auf der käuflichen DVD anhören.

 

Da gibt es also drei DVDs von meinem Kult-Seminar. Hab ich mir selbst nie angesehen. Die entstanden „ohne mein Wissen“.

Heißt praktisch: Da wurden Kameras aufgestellt und ich hielt mein Seminar. Vom ersten Satz an habe ich die Filmaufnahmen vergessen. Völlig aus dem Gedächtnis getilgt. Weil ich „bei der Sache“ sein musste. Und das merken Sie natürlich. Gucken Sie sich die DVDs unter diesem Blickwinkel einmal an.

Ich war – gelobt sei… – stets im Hier und Jetzt. Erkennbar im Flow. Habe von tief innen drin zu Ihnen gesprochen. Und habe so den Einen oder Anderen überzeugt. Sein Leben verändert.

 

Natürlich ginge es auch anders. Mir schon klar. Darf ich Ihnen aus einem Lieblingsbuch zitieren? Beginnend mit meinen drei Lieblingssätzen? Einem Trochäus: zwei kurz, eins lang:

 

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und das O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht.“

 

Sie hätten ´s also gerne etwas länger? Liegt Ihnen mehr? Gerne. Können Sie haben:

 

„Von dort nämlich war vor längeren Zeiten – Joseph war sich nicht immer ganz im klaren darüber, wie weit es zurücklag – ein sinnender und innerlich beunruhigter Mann nebst seinem Weibe, die er aus Zärtlichkeit wohl gerne seine „Schwester“ nannte, und anderen Zugehörigen ausgezogen, um es dem Monde, der Gottheit vor Ur, gleichzutun und zu wandern, weil er das als das Richtigste und seinem unzufriedenen, zweifelvollen, ja gequälten Zustande Angemessenste empfunden hatte.“

 

Oder, besonders schön:

 

„Sein Auszug, dem eine Sinnbetonung von Widerspruch und Auflehnung nicht abzusprechen gewesen war, hatte zusammengehangen mit gewissen Bauwerken, die ihm auf beleidigende Weise eindrucksvoll gewesen und  die der dortzulande eben herrschende Nimrod und Erdengewaltige wenn nicht errichtet, so doch erneuert und übermächtig erhöht hatte: weniger, nach des Ur-Mannes geheimer Überzeugung, den göttlichen Lichtern zu Ehren, denen sie geweiht waren, denn als Hemmriegel der Zerstreuung und himmelaufragende Male von des Nimrods-Königs gesammelter Macht,  – welcher der Mann von Ur sich nun gerade entzogen hatte, indem er sich dennoch zerstreute und mit seinem Anhange auf unbestimmte Wanderschaft begab.“

 

Na? Lang genug? Stammt von Thomas Mann „Joseph und seine Brüder“. Habe ich sicher schon 20 Mal gelesen. Mit ganz außerordentlichem Vergnügen und Glucksen.

Doch zurück zum Punkt: Verstehen Sie jetzt, weshalb ich diesen Kurzsatz-Stil entwickelt habe? Lange Sätze würden Sie… einlullen. Ich strebe das Gegenteil an, wie Sie wohl wissen.

Laufen!

18.02.2019

Ist der Titel des (Zitat) „fundiertesten deutschsprachigen Laufbuches“. Untertitel: „Vom Einsteiger bis zum Ultra-Läufer“. Und als Button: „Inkl. Trainingspläne von 10 bis 100 km“.

100 km. Da kann ich mich nicht beherrschen. Hab’s aufgeschlagen.

Eine unglaubliche Erfahrung. Ein meines Wissens komplettes Buch. Im Sinne von 100%. Hier finden Sie alles, wirklich alles zum Thema Laufen. Jede auch nur denkbare Frage wird beantwortet. Vom effektiven Laufstil über respiratorischen Quotienten, Einlegesohle, was tun, wenn man einem Hund begegnet, wie macht man sich Trainingspläne, was tut man beim Reizmagen, beim Seitenstechen, was isst man eigentlich auf 100km-Läufen… Sie finden alles außerordentlich kompetent beantwortet.
Weshalb kompetent? Dr. Dr. Aderhold, der Verfasser, ist einer der besten deutschen 100 km-Läufer. Weltmeister in der 100 km-Mannschaftswertung. Hat er alles geschafft neben einer übervollen zahnmedizinischen Praxis.
Wieder so einer, der authentisch so ziemlich alles zum Thema Laufen selbst erlebt hat.
Da finden Sie freilich auch Zuckerstückchen wie:
„Laufen ist eine grundlegende physiologische Handlung menschlichen Seins“. Dazu benötigen wir keine Anleitung, keinen Kurs und keine besondere Life-Style-Ausrüstung. Laufen ist überall und jederzeit in jedem Lebensalter möglich. Außerdem ist Laufen eine umweltverträgliche Sportart.
Oder auch:
Im regenerativen Dauerlaufbereich bildet jetzt der Körper Serotonin, das macht den Kopf frei und sorgt für gute Laune. Beim extensiven Dauerlauf kommt der Gedankenfluss dank ACTH so richtig in Gang. Laufen Sie dann noch schneller, sind vielleicht die Endorphine im Spiel. Körperliche Aktivität stimuliert die Bildung und Verschaltung von Nervenzellen.
Hübsch auch das folgende:
„Die Schulung der Achtsamkeit führt zu einer neuen Sichtweise, weil sie dem Meditierenden die Kraft und Bedeutung des gegenwärtigen Augenblicks erschließt. Der gegenwärtige Augenblick ist die Zeit, in der wir leben. Vergangenes ist vorbei, Zukünftiges noch nicht geschehen. Die Bereitschaft, im Augenblick zu leben, fördert ganz allgemein unsere Gesundheit“.
Und dann, fast unglaublich, die Aufzählung aller 47 essentiellen Stoffe:
„Dabei handelt es sich um 13 Vitamine (Vit. A, B1, B2, B3, B5, B6, B9, B12, C, D, E, H und K), 6 Mineralstoffe (Ca, Fe, K, Mg, Na, und Cu), 14 Spurenelemente (Cr, J, Mn, Mo, Se, Zn, Ni, Li, Co, F, Si, Rw, V, P), 2 Fettsäuren (Omega 3 und Omega 6), sowie 12 Aminosäuren (Arginin, Isoleucin, Leusin, Valin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan, Histidin, Cystein und Prolin)“.
Ein aufregendes Buch. Mich jedenfalls. Mich regt auf, wenn ich in meinem Fach Neues lesen darf, etwas noch nicht kannte. Mich regt auf, wenn jemand mir bekannte Zusammenhänge viel besser darstellen kann, als ich das könnte.

Ein aufregendes Buch. „Laufen!“. Von Dr. Dr. Lutz Aderhold. Neuauflage Dez. 2018.

PS: Schon der erste Satz: „Der Mensch ist aufgrund seiner genetischen Ausstattung und seines Körperbaus ein Läufer“.  Widerspruch nicht möglich. Schon gar nicht einem 100km-Läufer.

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