20 Jahre Schmerzen

Schmerz kann man nicht röntgen

16.05.2019

20 Jahre Schmerzen. 20 Jahre Schmerz-Patient. 20 Jahre täglich Schmerz-Tabletten. 20 Jahre von Arzt zu Arzt. Hilflos.

Nur, damit Sie die Notlage verstehen: Sogar Lumbalpunktion (Anzapfung Rückenmarkswasser). Sogar Operation im Schmerzbereich. Alles sinnlos. Und dann sogar bei Helga Pohl (News vom 12.06.2018, 29.07.2018). Nichts hat geholfen.

Der Schmerz saß im Sitzbein

Ein exklusiver Ort. Jeder Orthopäde lächelt, lässt ein Kernspin anfertigen und weiß. Hat leider nicht geklappt. Alles war tiptop in Ordnung.

Viele von Ihnen kennen sich hier aus. Alles ist tiptop in Ordnung, aber man hat Schmerzen. Oder das Herz spinnt trotzdem. Oder der Darm. Die Organe halten sich einfach nicht an schulmedizinische Beschlüsse: Tiptop in Ordnung. Seltsam. Und solch ein Mensch sitzt vor Ihnen. Und Sie sollen dann helfen.
10 Minuten gegen 20 Jahre. Da könnte man verzagen. Nun… wie Sie wissen, tun WIR das nicht. Wir verzagen nicht, wir messen.

Erzählen anschließend auch keine Märchen, Vermutungen, Glaubenssätze, sondern berichten von Zahlen. Zahlen, die Sie doch bitte in Ordnung bringen.
Eine Aufforderung, die die meisten von Ihnen gar nicht verstehen. Sie wollen von mir immer genaue Angaben, was und wie viel Sie nehmen müssen, und wie lange. Dabei ist das alles nebensächlich:

Sie sollen die Zahlen in Ordnung bringen. Dafür brauchen Sie mich nicht. Wenn Kalium fehlt, nehmen Sie bitte Kalium. Wie auch immer. UND MESSEN NACH!

So lange, bis Kalium stimmt. Tut kaum einer von Ihnen. Und wundert sich, wenn die Herzrhythmusstörungen immer noch bestehen.

Verblüffend bei diesem Schmerz-Patient war, dass sein Aminogramm praktisch perfekt war. Dass der also „im Kerne gesund“ war. Lediglich zwei Abweichungen (TRY, THR), ganz typisch für chronischen Schmerz. Weiß ich von mir persönlich.

Viel in Ordnung zu bringen war hier gar nicht. Ein bisschen Selen, ein bisschen Vitamin B12, aber dann:

EIN BISSCHEN MAGNESIUM
Volltreffer. Nach Magnesium-Einnahme waren die seit 20 Jahren persistierenden Schmerzen weg. Einfach weg. Keine Schmerztabletten mehr. Patient glücklich. Das war´s.

Wie man sich das erklärt, ist mir eigentlich schnurzpiepe. Ob das jetzt Muskelentspannung war…. Ist mir einfach wurscht. Diese Märchenerzählerei mag ich nicht mehr.
Ich mag Zahlen. Die Sie in Ordnung bringen. Also Magnesium über 1,0 mmol/l (mein derzeitiger Wert: 1,16. Sie stressen mich! Mag ich nicht. Ich weiß mich zu schützen).
Was haben wir gelernt, was haben Sie gelernt, lieber Mit-Patient (also mitleidender Mensch),
MESSEN
AUFFÜLLEN
NACHMESSEN
usw usw. solange
bis die Zahl stimmt.

 

Serotonin und Histologie

17.05.2019

Ein ernüchternder Bericht. Basierend auf einem Interview mit Prof. Gratzl von der Uni München. Prof. Gratzl ist Herausgeber des Lehrbuchs „Histologie“ im Springer-Verlag. Der Mann guckt hin, weiß Bescheid.

Und wundert sich über Kollegen, die nicht hingucken und auch Bescheid wissen (wollen). Das führt gelegentlich zu recht lustigem Geplänkel.

Denn Prof. Gratzl kann, weil er hinguckt, beweisen, dass 95% des menschlichen Serotonins sich im Magen und Darm befindet. Dort in der Schleimhaut. Also gilt für ihn:

  • Serotonin kontrolliert die Bewegung des Darmes.
  • Serotonin hat keine stimmungsaufhellende Funktion.

Ergibt sich für ihn schon aus der Mengenverteilung. 5% im Gehirn? Nur? Die sollen etwas bewirken? Dumm aber auch, dass sogar die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie (News vom 15.02.2012) in Antwort auf eine SPIEGEL-Anklage zugegeben hat

  • Bei mittelschwerer Depression wirken Psychopharmaka in 35%
  • während ein Placebo nur in 30% wirkt.

Unverzeihlich. Unvergesslich. Entlarvend. Was war denn da passiert? Hat jemand seine Tabletten nicht geschluckt? Die Frage hat einen ernsten Hintergrund: Wir wissen, dass gerade Fachkollegen recht häufig auf Psychopharmaka angewiesen sind. Nun ja: Dann kennen die sich auch aus. Ich seh das positiv.

Doch zurück zum Interview.
Frage: Die wichtigsten Antidepressiva blockieren Transportmoleküle von Serotonin. Verhindern möglichst die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem postsynaptischen Spalt (da wirkt Serotonin) zurück in den Nerv. Dadurch soll Serotonin sich im Spalt ein bisschen anreichern. Die Frage nun: Gibt es diese Transportmoleküle von Serotonin nur im Gehirn oder auch im Darm?
Gratzl: Diese Transportmoleküle sind in großer Zahl im Darm vorhanden.
Frage: Wenn man jetzt ein Psychopharmakon einnimmt, zum Beispiel Citalopram, das dieses Transportmolekül blockiert, wird dann der Darm krank? Ist also der Reizdarm eine Folge von Psychopharmaka?
Gratzl: Das ist bisher noch nicht untersucht. (Noch einmal: Das ist bisher noch nicht untersucht! Wir sind hier in der Schulmedizin. Da gibt es viele Fragen, aber selten Antworten.)
Frage: Ist denn überhaupt geklärt, ob die Antidepressiva bis ins Gehirn gelangen? Werden die vielleicht schon im Darm abgefangen?
Gratzl: Das ist bisher noch nicht untersucht. (Noch einmal: Das ist bisher noch nicht untersucht.)
Wir sind hier an der Vorderfront der Wissenschaft: Man weiß nichts. „Das ist bisher noch nicht untersucht“. Den Satz merk ich mir.

Mir bleibt von Prof. Gratzl ein goldenes Statement:
Serotonin drückt den Stuhl zum Darmausgang.
Wer hier Schwierigkeiten hat, versteht diesen Satz sofort. Auf die Idee, in diesen Fällen (Obstipation, Verstopfung) kräftig Tryptophan-Kapseln zu schlucken, bin aber auch ich bisher nicht gekommen.

PS: Als Praktiker bin ich Prof. Gratzl in einem Punkt überlegen: Ich weiß, dass Serotonin eine stimmungsaufhellende Funktion hat. Weil wir das ausprobieren. Weil Sie das ausprobiert haben und mir daraufhin so angenehme Briefe schreiben.

Hier sieht Prof. Gratzl, sicherlich ein sehr korrekter und tatsachenorientierter Mensch (Histologe) ein bisschen zu schwarz.

Quelle: Depression-Heute (https://www.depression-heute.de/serotonin/serotonin-im-darm)

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