Nachtdienst auf der Intensivstation

Kampf gegen Windmühlen

01.08.2019 | Strunz

Scheint ein ewiges Thema der Menschheit zu sein. Sie kennen Don Quichotte… Dieser ewige Kampf wird mir soeben in der heutigen mail plastisch geschildert. Betrifft diesmal nicht den Kampf gegen Klimakatastrophe, nicht den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, nicht den Kampf gegen den bösen Kapitalismus, sondern… betrifft die Medizin. Daher diese News.

Die mir zeigt, dass ich tatsächlich hier am Schreibtisch vergeblich arbeite. Tag für Tag. Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich pro Jahr 417 News verfasse? Jahr für Jahr? Wie ich heute also erfahre, alles umsonst. Darf ich?

Schreibt mir eine Ärztin. Aus einem mir wohlbekannten Krankenhaus, in welchem ich persönlich auch einmal sehr merkwürdig behandelt wurde. Und die schreibt:

 

„Gerade im Nachtdienst auf der Intensivstation kommt ein Anruf von der Normalstation. Patientin ginge es nicht gut. Habe einen schnellen Puls. Wie schnell? So 150. Nun, das ist schnell.

Patientin ist 86 Jahre, hat gestern eine Hüft-TEP nach Schenkelhalsfraktur bekommen und ist heute früh von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt worden. Übliche Fragen, Befindlichkeit, Blutdruck, SaO2… Klingt soweit stabil, muss ich also nicht gleich losrennen.

Dabei schaue ich in den Computer. Da steht im Verlegungsbrief unter Vorbefunde „rezidivierende supraventrikuläre Tachykardien“. Darauf die Schwester:

 

“Ja, die Patientin sagt, das habe sie öfter. Sie habe dann immer so Angst und rufe den Notdienst. Die würden mittlerweile nicht mehr kommen wegen der vielen Anrufe und ihr raten, kaltes Wasser zu trinken. Nach einigen Stunden höre es dann von selber auf.“

Ich schaue mir die Blutwerte an.

Da haben meine Kollegen heute Morgen diese Frau mit einem Hb von 7,9 und einem Kalium von 3,6 verlegt. Hallo? Hallo??? Was soll das?“

 

Verstanden? Hämoglobin nur 7,9. Normal 12 bis 16. Bedeutet den Sauerstofftransport im gesamten Körper. Heißt übersetzt: Das Herz bekommt nur halb so viel Luft, wie es gerne hätte. Was wird es dann tun? Strampeln. Verzweifelt schneller schlagen.

Und Kalium von nur 3,6. Normal 3,8 bis 5,6. Dafür zuständig, dass der Herzschlag regelmäßig verläuft. Bei zu wenig Kalium… kein Wunder. Da kommt alles durcheinander. Deshalb verlangen wir Sollwert über 5,0 mm/l (siehe „77 Tipps für ein gesundes Herz“).

 

„Die arme Frau. Muss sich dieser OP unterziehen und hat dann noch eine schlaflose Nacht!
Nach Gabe eines Erythrozytenkonzentrats, Kalium- und Magnesiumsubstitution schläft sie jetzt. Und sie weiß jetzt, was hilft.

Ich weiß nicht, ob ich so weiterarbeiten will. Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.“

 

Gekonnte Abhilfe. Gekonnte Hilfe. Gekonnte Heilung: Bluttransfusion, also mehr Sauerstoff, Kalium direkt in die Vene. Also schnelle Wirkung. Die Kollegin ist PRAKTIKERIN. So wie ich mich als PRAKTIKER bezeichne. Also als Lob gemeint.

Schlimm natürlich die Bemerkung: „Ich weiß nicht, ob ich so weiter arbeiten will“. Dieser Zweifel überfällt zunehmend junge Ärzte. Die nämlich in der Lage sind, über den Tellerrand zu gucken. Es gibt heute Internet. Gab es zu unserer Zeit eben nicht. Wir waren auf die uralten Lehrbücher angewiesen.

Mitnehmen sollten Sie aus dieser News: MEDIZIN kann

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